Oh große Ränder an meiner Zukunft Hut!
Portraits surrealistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen

Vorwort von Britta Jürgs

Gab es überhaupt Surrealistinnen, oder gibt es nur Frauen, Freundinnen oder Geliebte männlicher Surrealisten? Ist die "Surrealistin?" ein Paradox? Wenn bei der Frage nach Surrealisten fast immer der Name Salvador Dalí genannt wird, ist dann Gala als Muse Dalís die Surrealistin par excellence? Es scheint kein Zufall zu sein, daß keineswegs surrealistische Künstlerinnen im Vordergrund stehen, wenn es um die ?surrealistische Frau? geht, sondern vielmehr ein nicht sehr originelles Idealbild der Frau als Muse oder Kindfrau, Verkörperung des Eros oder des Unbewußten. Auch »Nadja«, der André Breton eine literarische Hommage brachte, ist bei weitem bekannter als die Frauen, die tatsächlich im Umkreis des Surrealismus künstlerisch aktiv waren.

Als André Breton mit Paul Eluard, Louis Aragon und anderen 1924 die surrealistische Bewegung gründete und das erste surrealistische Manifest verfaßte, waren die Künstlerinnen und Schriftstellerinnen allerdings noch kaum präsent. Die meisten Künstlerinnen hatten erst in den dreißiger Jahren, nach der ersten surrealistischen Phase, Zugang zum Surrealistenkreis, waren meist sehr viel jünger als ihre männlichen Kollegen und standen am Beginn ihrer künstlerischen Karriere. Selbst wenn sie sich in ihren Arbeiten bereits vor der Begegnung mit den Surrealisten mit ähnlichen Themen, Problemen und Fragestellungen auseinandersetzten, hatten sie kaum Anteil am theoretischen Unterbau des Surrealismus, tauchen als Mitunterzeichnerinnen der Manifeste nicht auf. Dennoch beteiligten sich zahlreiche Künstlerinnen an den surrealistischen Gruppenausstellungen oder veröffentlichen ihre Texte in surrealistischen Zeitschriften.

Bedeutsamer als die Debatten im Kreise der Surrealisten war wohl für die meisten Künstlerinnen die Möglichkeit, durch den Zugang zu dieser Bewegung der Avantgarde, die sich weniger durch ein ästhetisches Konzept als vielmehr durch eine Lebensphilosophie auszeichnete, sich jenseits von familiären oder akademischen Zwängen als Künstlerin zu verwirklichen und Anerkennung für ihre künstlerischen und literarischen Arbeiten zu finden.
War diese Selbstverwirklichung bei den Frauen vor allem mit einer Ablehnung der tradierten Frauenrolle als Ehefrau und Mutter verknüpft, ging jedoch der revolutionäre Anspruch der Surrealisten und ihre Abkehr von Traditionen im Gegensatz dazu nicht so weit, die patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen in Frage zu stellen.

Die Akzeptanz der künstlerisch tätigen Frauen hatte allerdings ihre Grenzen, denn taten sie mehr, als die von den Männern entworfenen romantischen Frauenbilder zu verkörpern und das schmückende Beiwerk zum Männerzirkel abzugeben, waren sie als unliebsame Konkurrenz weniger gern gesehen.

Die Distanzierung vom Surrealismus als Bewegung war in den meisten Fällen ein fast zwangsläufiger Schritt, um sich als eigenständige Künstlerin behaupten zu können, zumal die Gefahr, des Epigonentums bezichtigt zu werden, den zu einer Gruppierung gehörenden Frauen eher zu drohen scheint als ihren männlichen Kollegen. Die existierenden Gemeinsamkeiten in Geisteshaltung und künstlerischem Ausdruck jenseits aller dogmatischen Festschreibungen zu ignorieren, hieße jedoch, den männlichen Diskursen und Entscheidungen über Zugehörigkeiten zum Surrealismus auch nachträglich durch das Verschweigen des weiblichen Anteils recht zu geben.

Die Essays in diesem Band sind acht Künstlerinnen und Schriftstellerinnen gewidmet, nicht als das Thema erschöpfende Studie, sondern als ein hoffentlich appetitanregendes Lesebuch, das lediglich eine kleine, subjektive Auswahl darstellen kann. Einige der Frauen - wie z. B. Meret Oppenheim - sind einem breiten Publikum vertraut, andere - wie die Schriftstellerinnen Joyce Mansour und Gisèle Prassinos - vor allem im deutschsprachigen Raum auch aufgrund der wenigen ins Deutsche übersetzten Texte so gut wie unbekannt.

Bis auf Gisèle Prassinos, die in Paris aufgewachsen war und durch ihren Bruder dem illustren Kreis um André Breton vorgestellt wurde, kamen die Frauen meist in den 30er Jahren aus dem Ausland in die Kunstmetropole Paris: Meret Oppenheim aus der Schweiz, Leonor Fini aus Italien, Leonora Carrington aus England. Dorothea Tanning, die 1939 bei ihrem ersten Versuch, im Pariser Surrealistenkreis eingeführt zu werden, nicht erfolgreich war, lernte die Surrealisten und vor allem Max Ernst erst während des Zweiten Weltkriegs in New York kennen, wohin viele von ihnen emigriert waren.

Die Prager Künstlerin Toyen, 1902 geboren und damit die älteste der hier portraitierten Frauen, gründete 1934 die Prager Surrealistengruppe. stand aber auch in Kontakt mit den Surrealisten in Paris, wohin sie 1947 emigrierte. Neben Joyce Mansour, der jüngsten unter den hier Portraitierten, ist sie die einzige der hier vorgestellten Künstlerinnen, die sich nicht nachträglich von der surrealistischen Bewegung distanzierte und ihr auch bis zu deren Auflösung im Jahre 1969 angehörte.
Unica Zürn kann wie auch Joyce Mansour zur ?dritten Generation? des Surrealismus gezählt werden. Sie kam erst 1953 nach Paris und war zunächst mit ihren »automatischen« Zeichnungen erfolgreich, bevor sie als Schriftstellerin bekannt wurde.

So unterschiedlich die portraitierten Frauen und ihre Werke, so verschieden sind auch die Herangehensweisen der Autorinnen und Autoren dieses Bandes:
Jane Kienle läßt eine Meret Oppenheim entdecken, die mehr zu bieten hat als eine Pelztasse; Brigitte Luciani geht dem frühen Ruhm von Gisèle Prassinos nach, die als dichtendes Schulmädchen von den Surrealisten gefeiert und dann vergessen wurde; Oliver Esterl beleuchtet das von kopflosen Wesen und kalten Landschaften durchzogene Universum der Malerin Toyen; Valérie Lermite schreibt über Joyce Mansour, deren erotische Texte noch zu entdecken sind; Britta Jürgs portraitiert die Meisterin der Masken und Verkleidungen, Leonor Fini; Kai Artinger reflektiert in seinem Essay über Dorothea Tanning gleichzeitig die ganz unterschiedlichen Rezeptionsgeschichten von Künstlerinnen und Künstlern; Annette Antoine stellt die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington mit ihrer Vorliebe für abgründigen Humor, Schaukelpferde und matriarchalische Mythen vor; Cornelia Saxe schließlich hat ein literarisches Portrait Unica Zürns entworfen, das, ausgehend von deren letztem Lebenstag, einen ganz anderen, in der 1. Person verfaßten Einblick in Leben und Werk der Berliner Anagrammdichterin und Zeichnerin gibt.

Die Malerinnen, Schriftstellerinnen und Objektkünstlerinnen im Umkreis des Surrealismus sind keine Randerscheinungen, sondern, frei nach Meret Oppenheim, von der diese Gedichtzeile stammt, »große Ränder an unserer Zukunft Hut«, aufsehenerregend und eigenständig.